Kanon vs. Legends

Was soll das?

Im Jahre 2012 kaufte Disney, Lucasfilm für 4 Milliarden Dollar von George Lucas ab. Seit diesem Tag ist das Star Wars Fandom noch gespaltener, als es durch den Zwist zwischen OT und PT Fans sowieso schon war. Der Grund dafür ist simpel: Lucasfilm unter Disneys Führung ernannte die Bücher, Videospiele und Comics von vor 2014 zu „Legenden“ und startete ab 2014 diesen Teil des Universums komplett neu. Im Glaube des Fandom wurde das wundervolle Universum welches Star Wars über 30 Jahre lang aufgebaut hatte über Nacht für nichtig erklärt und im metaphorischen Sinne verbrannt. Man sah es nicht nur als Verrat an den Fans sondern auch als Verrat an George Lucas, dem Erschaffer dieses Universums. George Lucas selber würde sicherlich nicht wollen das sein großartige Welt einfach so überschrieben werden würde. Das Fandom wurde von der Wut und Frustration gepackt und über die kommenden Jahre entwickelte sich ein Zweifrontenkrieg zwischen den Befürwortern des Kanons ( die neuen Werke) und der Legends ( die alten Werke). Nun, falls ihr zu den Menschen gehört die diesem Irrglauben folgen, so bereitet euch nun auf eine Explosion eures Verstandes vor: George Lucas behandelte die „Legenden“ nicht anders als Kathleen Kennedy ( neue Präsidentin von Lucasfilm) es heute tut. Ihr glaubt mir nicht? Dann liest doch bitte weiter und zusammen erforschen wir die Fakten hinter der Konzeption des Star Wars Kanons.

Star Wars Opening

Um wirklich zu verstehen was hinter meiner Behauptung steckt müssen wir uns ansehen wie das Universums vor dem Verkauf an Disney aussah. Damals bestand der Star Wars Kosmos aus Sechs (!) verschiedenen Stufen des Kanon, wir wollen uns aber auf die ersten Drei konzentrieren. Die erste Stufe, der sogenannte „G-Kanon“ überschattete alle anderen und war der absolut in Stein gemeißelte Kanon. Alles was George Lucas persönlich geschaffen hatte, befand sie darin, allen voran natürlich die Filme. Direkt unter dem G-Kanon stand der „T-Kanon“, welcher die neueren Fernsehserien beinhaltete, mit Fokus auf The Clone Wars ( TCW). Obwohl die TV-Serien eine getrennte Kanonstufe besaßen so genossen sie dennoch die selben Vorzüge wie der G-Kanon und waren fast genau so unüberschreibbar wie dieser. Ich persönlich glaube das man die beiden Dinge nur deshalb von einander trennte um mögliche Ungereimtheiten mit der Aussage: „sind ja verschiedene Stufen“ erklären zu können, schlussendlich war man jedoch darauf aus zwischen dem G-Kanon und dem T-Kanon eine einheitliche Kontinuität zu erschaffen.

Als nächste Kanonstufe kam dann der „C-Kanon“ und hier begannen die Probleme: Der C-Kanon, dessen Abkürzung für „Continuity Canon“ ( zu deutsch: Fortsetzungs-Kanon) steht, entstand ziemlich früh in der Geschichte von Star Wars. Im Jahre 1978 wurde das Buch „Splinter of the Mind’s Eye“ veröffentlicht, auf Deutsch auch als „Skywalkers Rückkehr“ bekannt. „Splinter of the Mind’s Eye“ war ein Buch das George Lucas persönlich in Auftrag gegeben hatte und von Alan Dean Foster geschrieben wurde. Es war dazu gedacht eine mögliche Episode V darzustellen, falls man aus unbestimmten Gründen nicht direkt mit der Saga fortfahren konnte. Eine Technik die George Lucas später bei seinem Film „Willow“ erneut anwenden würde, wo mehrere literarische Fortsetzung folgten, jedoch nie eine filmische. „Splinter of the Mind’s Eye“ war damit der erste Star Wars Roman und begründete die C-Kanon Stufe. Dutzende Bücher, Comics und Videospiele folgten und praktisch alles das nicht von George selbst geschrieben war landete im C-Kanon.

Splinter of the Minds Eye

Unter den Fans wurde diese Stufe auch als das „Erweiterte Universum“ (EU) bekannt, der offizielle Name unter welchem diese Werke vermarktet wurden. „Erweitertes Universum“, das klang so viel versprechend. Man sah darin den Grundstein für einen riesigen Star Wars Kosmos und in gewisser weise entsprach das auch der Wahrheit. Was jedoch der Fan ohne etwas Recherche nie herausfand, weil es auf keinem der Werke des EU zu sehen war: Der C-Kanon war überschreibbar. Der ganze Sinn der unterschiedlichen Stufen bestand darin das die oberste Stufe, der G-Kanon den Rest nicht beachten musste wenn er das nicht wollte. Der C-Kanon diente zwar dazu das Universum auszubauen, er war jedoch nie in Stein gemeißelt und wenn George Inhalte des EU ignorieren wollte dann tat er dies einfach. Zum ersten Mal wurde das Fandom mit dieser Tatsache konfrontiert als die Prequels das Licht der Welt erblickten. Ganze Hintergrundgeschichten wurden umgeschrieben, unter anderem die Geschichte von Boba Fett, welcher nämlich vor den Prequels nicht der geklonte Sohn eines Kopfgeldjägers war sondern ein Mandalorianer namens Jaster Mereel. Hier für zitiere ich direkt von „Jedipedia.net“:

„Das erste Mal erwähnt wird Jaster Mereel in dem Roman Der König der Schmuggler, in dem dieser Name allerdings als wahre Identität für die Figur Boba Fett vorgesehen war. Mit dem Erscheinen von Episode II – Angriff der Klonkrieger und der damit einhergehenden Abstammung Boba Fetts von Jango Fett stimmte diese Version nicht länger mit dem Kanon überein. Der Comic Jango Fett – Die Jagd beginnt führte daher eine gänzlich neue Figur dieses Namens in das Erweiterte Universum ein und der Artikel The History of the Mandalorians erläuterte die Erwähnung des Namens in früheren Werken als Tarnidentität Fetts, sodass das bestehende Dilemma aufgelöst wurde. „

Das heist nach dem Release der Prequels, war der bestehende Hintergrund eines Charakters auf einmal nicht mehr kanonisch und der C-Kanon durfte sich alleine um eine Lösung kümmern. George Lucas nahm in seinen Werken nicht mal Bezug auf diesen Umstand, behandelte es gar so als gebe es diese Vorgeschichte nicht, während der C-Kanon danach schauen konnte wie er sich anpasste. Und dieses Vorkommnis wiederholte sich über die Jahre dutzende Male. Egal was George in seinen persönlichen Werken änderte, es war der C-Kanon der sich anpassen musste. Etablierte Geschichte wurde umgeschrieben, Zeitlinien passten nicht mehr zusammen und nicht selten waren so genannte „Retcons“ notwendig um die Kontinuität aufrecht zu erhalten. Dieses Problem hatte aber nur der C-Kanon, da er es sich zur Aufgabe gemacht hatte mit den beiden oberen Stufen zusammen zu passen, George Lucas selber schien dies nicht besonders wichtig zu sein und er zeigte es mit jeder neuen Änderung. Ein einheitlicher Kanon war dem entsprechend nicht gegeben, es gab nur den über alles gültigen G-Kanon mit seinem kleinen Bruder den T-Kanon und auf der anderen Seite den zurückgelassenen C-Kanon, der halt irgendwie schauen musste das er mithalten konnte.

Wirklich deutlich wurde dies als dann TCW startete. „The Clone Wars“ war eine TV-Serie aus dem Jahre 2008, welche bis 2012 lief. Diese Serie entstand unter der Leitung des „Showrunners“ Dave Filoni, George Lucas war jedoch stark an der Produktions beteiligt und oft wurde seine Beziehung zu Filoni mit der eines Jedi-Meister zu seinem Schüler verglichen. „The Clone Wars“ war zwar inhaltlich an die Filme angepasst und man konnte sehen das man sich dort tatsächlich Mühe gab eine gewisse Kontinuität zu erschaffen, jedoch war in Richtung des EU davon kaum bis nichts zu spüren. Im C-Kanon hatte sich in den Jahren vor TCW bereits eine feste Klonenkriegs-Timeline etabliert welche durch Comics und Bücher gestützt war. Obwohl die Verantwortlichen der Serie diese Werke angefordert hatten, unter dem Vorsatz die Kontinuität in beide Richtungen aufrecht zu erhalten, so erhielten sie aus der Chefetage den offiziellen Auftrag dies nicht zu tun, solange sie in ihren Augen eine bessere Geschichte zu erzählen haben. Und so geschah was unter diesen Voraussetzungen geschehen musste: The Clone Wars, angeleitet durch die Ideen von Filoni und Lucas widersprach der Timeline der Klonenkriege im EU ständig.

TCW

Ganze Events passten nicht mehr zusammen, Charakter Entwicklungen gaben keinen Sinn, ja sogar die Darstellung kompletter Völker war unterschiedlich. Als Beispiel hier für kann man die Dathomirianer nennen: Während die Dathomirianer in Legends menschlichen Ursprungs waren so sind sie in TCW ein eigenständiges Volk welches einheitlich weiblich ist, und sich mit Zabraks, welche im EU nicht vom Planeten Dathomir stammten, paaren. Im EU lebten die Dathomirianer bis in die späte Zukunft des Universums und ihre Machtnutzer der hellen Seite verbündeten sich sogar mit den Jedi. In TCW wurde das Volk fast komplett ausgelöscht. Wie ihr seht waren die Änderungen deutlich und keinesfalls reine Zufälle. Bewusst und mit voller Absicht hatte man den C-Kanon ignoriert um seine eigene Geschichte zu erschaffen und eine einheitliche Kontinuität war wieder einmal nicht gegeben.

Als dann 2012 Disney Lucasfilm kaufte, beriet man sich darüber wie man mit dem EU weiterhin verfahren sollte und gleichzeitig war man bereits damit beschäftigt Episode VII vorzubereiten. Als J.J. Abrams dann ins Boot geholt wurde, versprach Lucasfilm ihm absolute Freiheit bei der Gestaltung des Films, womit auch er das Recht erhielt das EU zu ignorieren. Die Storygroup, welche kurz nach dem Verkauf ins Leben gerufen worden war um den Kanon zu verwalten, sah sich also der Tatsache gegenüber das eine weitere Atombombe für den C-Kanon bevorstand welche erneut die Kontinuität komplett überwerfen würde. Der C-Kanon war bereits daran gescheitert TCW ohne Problematiken in seine Kontinuität aufzunehmen und jeder wusste das es mit einer neuen Trilogie nicht einfacher sein würde. Also beschloss man das alte Kanonsystem zu verwerfen und ein neues zu erschaffen: Statt 6 Stufen, gab es nun nur noch zwei, und diese nannten sich „Kanon“ und „Legends“. Während der Kanon aus den Filmen so wie TCW bestand und damit den G- und T-Kanon übernahm, packte man alles andere unter die „Legend“ Sparte. Damit räumte man nicht nur jegliche Kontinuitätsfragen aus dem Weg, da man für alle zukünftigen Werke einen freien Raum schaffte, sondern gab dem EU auch seine Ruhe vor weiteren Änderungen an welche es sich anpassen musste. Die Produktion an Legend Inhalten wurde ebenso eingestellt, um sich auf den Kanon konzentrieren zu können und füllte diesen nun mit neuen Büchern, Comics und Videospielen. Wo im alten Kanon diese Werke getrennt von den Filmen und Serien operierten so war im neuen Kanon alles auf einer Ebene. Damit wurde ein wahrer Einheitskanon geschaffen.

Thrawn

Die Legends hatten aber natürlich immer noch Bedeutung für das Star Wars Universum und so fanden immer wieder Inhalte aus dem EU ihren Weg in den Kanon. Die Serie Rebels stellte in ihrer dritten Staffel den beliebten „Legends“ Charaktere Admiral Thrawn vor, adaptierte dabei seine Persönlichkeit fast genau so wie man sie aus dem EU kannte und kurz darauf folgte auch ein neues „Thrawn“ Buch für den Kanon, geschrieben von seinem ursprünglichen Erschaffer Timothy Zahn. Das EU war nicht vergessen oder verbannt worden, es hatte nun eine neue Form angenommen, als Archiv für den Kanon während seine eigene Kontinuität von nun an unangetastet blieb.

Wie ihr seht besteht der Unterschied zum Umgang mit dem EU nur aus zwei Dingen: Es hat einen neuen Namen und wird nicht fortgesetzt. Ansonsten genießt es genau so viel Gültigkeit wie es unter George besessen hatte, war es doch schon damals immer überschreibbar. Von daher macht es keinen Sinn sich über einen Verrat an den Fans oder an George Lucas zu beschweren da es diesen eigentlich nicht gibt. Der Umgang ist fast der selbe und was unter George Lucas lief sollte man unter der neuen Führung genau so akzeptieren können. Immerhin sind beide in ihrer jeweiligen Zeit die rechtmäßigen Besitzer des Franchises und haben so mit das Recht auch gleichermaßen damit umzugehen. Das Fandom sollte sich also nicht weiter streiten und über Dinge hinter den Kulissen beschweren worauf wir sowieso keinen Einfluss haben. Lasst uns Star Wars als gesamtes genießen, egal ob wir Kanon oder Legends bevorzugen.

Natürlich erhoffen sich Fans nach wie vor, eine Fortsetzung des EU getrennt vom bestehenden Kanon und ich habe absolutes Verständnis für diesen Wunsch. Vielleicht werden wir ja in einigen Jahren, wenn der Kanon sich vollkommen etabliert hat, solch eine Rückkehr erleben können. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Zum Schluss noch eine Reihe an Quellen für meine Behauptungen:

https://www.jedipedia.net/wiki/Mitth%E2%80%99raw%E2%80%99nuruodo#kanon

https://www.jedipedia.net/wiki/Kanon
https://www.jedipedia.net/wiki/The_Clone_Wars_(Fernsehserie)
https://www.jedipedia.net/wiki/Jaster_Mereel#hdk

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