T2 -Trainspotting 

Manchmal gibt es Filme, die gibt es eigentlich gar nicht. Ich selbst bin eigentlich zu jung gewesen, um Trainspotting im Kino gesehen zu haben. Ich feierte den Film halt etwas später auf Videokassette.

Grundsätzlich ist dieser Film ein Kunstwerk seiner Zeit. Videoclipästhetik trifft auf die Verarbeitung der Thatcher-Regierung der 80er Jahre. Nie werde ich vergessen, wie Ewan McGregors Charakter Mark Renton sich darüber auslässt, was politisch seinem Land wiederfahren ist:

„Manche Leute hassen die Engländer; ich nicht – das sind ja nur Wichser! Wir dagegen haben uns von Wichsern kolonisieren lassen.

Somit wusste ich sofort diesen kleinen, aber feinen Film zu schätzen. Mit durchgeknallten Charakteren, schwarzem Humor und geilen Darstellern. Wobei Ewan McGregors Charakter Mark Renton in dieser äußerst destruktiven Szenerie für mich immer ein Lichtblick war. Der eine Kerl, der den Kreis aus Drogen, Gewalt, noch mehr Drogen, Psychos etc. durchbricht. Muss aber letztlich dem Darsteller geschuldet gewesen sein, weil in der Romanvorlage war er auch ein Vollarsch… Das Buch war aber mega!!!

20 Jahre später – Der einzige Grund, warum du hier bist, ist Nostalgie.“

Nun sind 20 Jahre ins Land gezogen. Mark Renton ist nach den Geschehnissen des ersten Teils nach Amsterdam gegangen. Er hatte seine Freunde um 16.000 Pfund betrogen. Einer kam sogar ins Gefängnis: Begbie, gespielt vom großartigen Robert Carlyle. Welch vielschichtiger Darsteller und ich finde, er präsentiert dies auch so in diesem Film. Jedenfalls tauchen natürlich auch Marks andere Freunde, Spud (Ewen Bremner) und sein bester Freund Sickboy (Jonny Lee Miller) in diesem Film auf. Gewissermaßen sehen wir zu Beginn, wie Mark auf seine vergangenen Freunde trifft, seinen Vater besucht und letztlich wird auch eine alte Flamme gezeigt.

Viel verändert hat sich nicht: Begbie, zunächst im Gefängnis, ist immer noch ein Psycho der erst zuschlägt, bevor er mit sich auch nur ein vernünftiges Wort reden lässt. Sickboy ist eine Art “Gentleman“-Gauner und Spud ist immer noch an der Nadel, entfremdet von Frau und Sohn, aber immer noch liebenswürdig. Nur Mark hat einen geregelten Job und eine Frau, zumindest behauptet er das zunächst.

Allerdings hat Mark dies alles verloren und er hatte sogar schon eine Herz-OP und fragt sich, wie er den Rest seines Lebens nun gestalten will… Also will er seinem alten Freund Sickboy und dessen „Freundin für horizontale Angelegenheiten“ Veronica helfen, eine Sauna (hier: Puff) zu errichten. Midlife-Crisis? Verarbeitung des Todes seiner Mutter? Beides? Egal.

Was heißt das in der Folge?

Das heißt klauen, Anti-Katholiken-Lieder singen und Spud clean kriegen, da dieser durchaus was auf den Kasten hat, was Handwerkliches angeht. Genau jetzt ist Begbie jedoch aus dem Gefängnis geflohen und es bleibt nicht aus, dass sein Hass auf Mark und generell alles, miteinander kollidiert…

Also, wir werden alle alt und dann bringen wir’s nicht mehr ?“ – „Ja!“

Wie alle Filme in den letzten paar Jahren, surft „T2“ die Retrowelle mit, aber nimmt sie auf so eine ehriche Art, wie kein Film zuvor. Ich war fast ähnlich berührt wie bei Harrison Fords Zeile aus „Das Erwachen der Macht“, wenn er sagt „Chewie… wir sind Zuhause!“… Ja ich vergleiche das hier tatsächlich mit diesem Moment. „T2 Trainspotting“ feiert seine eigene Vergangenheit und bringt uns diesen Figuren wirklich nahe. Besonders Spud tritt hierbei wirklich hervor, da viele Eindrücke durch die Geschichten getragen werden, die er zur Selbsttherapie aufschreibt.

Aber auch alle anderen Figuren werden mehr von der Vergangenheit beherrscht, als von der Gegenwart. Dies sagt auch Veronika, Sickboys angehende “Madame“, gespielt von Anjela Nedyalkova. Für sie sind Renton und Sickboy regelrecht ineinander verliebt. Und auch Robert Carlyle als Begbie kommt in manchen Moment mit so einer Hass-Liebe um die Ecke, dass man diesen Mann auch öfter feiern möchte, als es einem vorher bewusst war. Begbie ist kult!

Die Musik des neuen Films ist ein ordentliches Gemisch. Etwas retro natürlich. Die neue Musik fügt sich aber hervorragend in den Film ein. „Silk“ von der Band Wolf Alice gefiel mir schon im Trailer und im Film wirkt der Song noch besser. In kurzen Momenten erhaschen die Ohren der Zuschauer auch Klänge von Liedern des ersten Films. Gänsehautmomente. Man wartet nur darauf, dass diese auch endlich gespielt werden. Ein Hochgefühl baut sich auf. Unerwartet und mit so schlichten Mitteln. Das ist hervorragende Inszenierung wie ich finde!

Und während ich diese Review schreibe, wummert der Soundtrack auch aus meinen Boxen.

Wir sehen wie sich Gegenwart und Vergangenheit sogar in manchen Szenen überschneiden. Dies geschieht so unaufdringlich, aber auch so surreal, dass es beinah wirkt, als würde man selbst an Ort und Stelle stehen. Man erinnert sich an das, was man vor Jahren oder vielleicht zum Auffrischen noch vor der Sichtung von „T2“ gesehen hat, nämlich den ersten Teil. Oder besser: es ist wie ein bittersüßes Déjà-vu!

Blickt man auf die Hauptdarsteller, sehen wir hier einen Haufen Männer, ihre Falten, ihre zerbrochenen Träume, aber auch viel Liebe füreinander. Das war nahezu faszinierend, wie dies alles so gut transportiert werden konnte. Entsinne ich mich richtig, war lange fraglich, ob es eine Fortsetzung zu „Trainspotting“ geben würde. In Buchform hatte der Autor der Vorlage, Irvine Welsh bereits eine Fortsetzung erdacht: „Porno“ !

Da Ewan McGregor sich aber vor Jahren mit Regisseur Danny Boyle zerstritten hatte, war es zunächst unklar, ob es überhaupt zu einer Zusammenarbeit der beiden kommen würde. Doch nun haben wir ein Ergebnis, was seinesgleichen sucht.

Auch Jonny Lee Miller weiß als Sickboy zu gefallen! Es war ungewohnt ihn so zu sehen, nachdem ich neulich noch die letzten drei „Elementary“-Staffeln gesuchtet habe, aber was soll’s. Auch dieser Akteur verdient mehr Aufmerksamkeit wie ich finde und könnte sehr gern öfter in guten Kinofilmen mitwirken (persönl. Anmerkung: ich würde ihn aber auch als Sherlock vorerst nicht missen wollen).

Zusammenfassend kann ich sagen, dass hier eine echtes Kunststück gelungen ist!

Danny Boyle hat einen Film gedreht, der seinen Vorgänger nicht nur ergänzt, sondern ihm ein Denkmal schafft. Ich freue mich sehr darüber, dass ich wenigstens diesen Teil im Kino gesehen habe und frage mich echt, ob die ganzen „50 Shades of Grey“-Gucker nicht doch lieber „Trainspotting 2“ im Kino gesehen hätte. Wahrscheinlich wären sie von dieser herausragenden filmischen Qualität überwältigt gewesen.

Bebildert ist der Film großartig. Wir haben gute Panoramaaufnahmen, die uns auch schöne Naturszenen bescheren, aber auch schnelle und etwas kunstvolle Schnitte, die aber nicht aufgesetzt und übertrieben wirken. Hier wurde ein Maß gefunden, was zu der Fortsetzung eines Kultfilms passt und diesen nicht schlecht aussehen lässt, sondern ihn immer noch als Kunstwerk dastehen lässt und beide Filme sich gegenseitig schmeicheln!

Es ist also inständig zu hoffen, dass der Film gutes Geld einspielt, weil dann können weiterhin solche Filme produziert werden. Die, die uns zum Lachen bringen und auch in gegebenen Momenten vielleicht gleichzeitig auch etwas schwermütig machen. Die, die uns Gänsehaut verschaffen. Filme, die man liebt.

Daher sage ich:
SAG „JA“ ZU T2 TRAINSPOTTING  !!!

 

 

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