Der Kummer, der nicht spricht, nagt leise an dem Herzen, bis es bricht. 

 – William Shakespeare

In „The Anthem of the Heart“ begleiten wir ein Mädchen namens Jun Naruse. Jun ist zu Beginn ein kleines, aufgewecktes Mädchen, welches davon träumt, später einmal mit ihrem Prinzen auf einem Ball im örtlichen Schloss zu tanzen. Aus diesem Grund treibt es sie auch zu besagtem Schloss, in der Hoffnung, einen Blick in den Ballsaal zu ergattern. Als sie am Schloss ankommt, welches auf einem Berg über dem Örtchen ragt, verlässt gerade ein Auto den Hof. Entschlossen nicht entdeckt zu werden, versteckt sich Jun hinter einem Busch und bemerkt dann, dass ihr Vater in jenem Auto sitzt. Neben ihm eine blonde Dame. Begeistert und in der Hoffnung, dass sie vielleicht die Prinzessin ist, welche sie sich wünscht zu sein, zieht es sie nach Hause um ihrer Mutter vom Erlebten zu erzählen. Diese reagiert jedoch sehr komisch auf das Gehörte und verbietet der kleinen Jun jemals wieder über das Gesehene zu sprechen. Was das Mädchen nicht weiß: Bei dem Schloss handelt es sich um ein sogenanntes „Love Hotel“, indem Zimmer für zweisame Stunden gemietet werden können. Ein paar Tage später steht ein LKW vor dem Haus und verlädt die Sachen des Vaters. Von den Geschehnissen der letzten Tage komplett verwirrt, fragt Jun ihren Vater noch, wo er hingeht und bietet an die Mutter zu beschwichtigen. Darauf hin nennt der Ehebrecher sie eine Plappertasche (einen Titel, welche das aufgeweckte kleine Mädchen schon häufiger bekam) und gibt ihr die Schuld für den Streit und den jetzt notwendigen Auszug. Auf diese harten Worte folgend, begegnet der Kleinen ein Ei, welches sich als Prinz vorstellt und Jun anbietet zu verhindern, dass sie je wieder Schaden mit ihrem Geplapper anrichten kann. Es verschließt ihren Mund wie ein Reißverschluss und lässt so eine neue, stumme Jun entstehen. Schnitt, Zeitsprung, Jun ist älter geworden, geht auf eine höhere Schule und ist nach wie vor stumm.

Aus diesem Grund ist Jun auch so etwas wie ein Außenseiter in der Klasse. Sie wird kaum wahrgenommen, hat keine Freunde und wahrscheinlich halten die meisten ihrer Mitschüler sie für etwas seltsam. Wie es aber nun einmal so ist, beschließt der Klassenlehrer Jun zusammen mit drei anderen Schülern in ein Komitee zu stecken, welches einen Beitrag zu einem Schulfest entwerfen soll. Da es sich hier allerdings nur um eine kleine Sache für das Örtchen handelt, bei dem zumeist sowieso nur die älteren Herrschaften zugegen sind, hat keiner der Beteiligten wirkliche Motivation. Im Laufe der sich daraus entwickelnden Geschichte baut Jun, trotz ihrer fehlenden Worte, eine Bindung zu den Leidensgenossen auf und kommt Schritt für Schritt dem Ziel näher endlich vom Fluch des Ei erlöst zu werden.

(v.l.n.r.) Takumi, Natsuki, Jun, Daiki

The Anthem of the Heart ist ein schöner Film, optisch wie auch von der erzählten Geschichte. Er handelt von jugendlicher Naivität, von Schuld und Schuldverständnis und auch davon, sich darüber bewusst zu werden wie schwerwiegend Worte sein können. Sie können so viel erzeugen, von Freude über Heilung bis hin zu Hass und Trauer. All dessen muss man sich bewusst sein, wenn man mit anderen Menschen kommuniziert. Dies ist immer ein Lernprozess,den jedes Kind und jeder Jugendliche durchlaufen muss. Dabei zu erkennen, dass ein einfaches schweigen auf Dauer auch keine Lösung sein kann, ist die offensichtlichste Botschaft des Filmes.

Da ich auf diesen Teil noch gar nicht eingegangen bin, möchte ich auch noch einmal erwähnen, dass die Charaktere des Filmes wirklich gut geschrieben sind. Takumi als erste Person, die mit Jun näheren Kontakt aufbaut, ist nicht übertrieben freundlich dargestellt, Daiki nicht als übertrieben eigenbrötlerisch oder arrogant. Das Ganze passt im Zusammenspiel sehr schön. Auch wie sich die Beziehung der Protagonisten über den Film entwickelt, kann man positiv herausstellen. Leider ist der Aufbau zum großen Finale dann aber doch etwas stark an das typische Klischee Drama angelehnt. Das tut dem guten Eindruck aber keinen Abbruch. Ebenfalls löblich zu erwähnen ist der Soundtrack. Dieser passt ausnahmslos ins Gesamtkonzept und weiß somit zu überzeugen.

Ich denke, die letzten Zeilen stellen schon gut dar, dass mich der Film abgeholt hat und ich ihn somit empfehlen kann, sofern man von dem hier dargestellten nicht abgeschreckt ist. Es ist ebenfalls zu erwähnen, dass man sich entsprechend ein wenig in die Gedankenwelt eines Kindes hineinversetzen sollte um das Ganze nicht von vorne herein als übertrieben abzutun. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass der Film dies gut genug selbst zu vermitteln weiß.

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